Darmflora aufbauen: Wie das Mikrobiom entsteht und was Pferde dafür brauchen
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Die Darmflora des Pferdes entsteht nicht erst durch bestimmte Futtermittel. Die mikrobielle Besiedlung beginnt unmittelbar nach der Geburt und entwickelt sich beim Fohlen ungewöhnlich schnell. Mutterstute, Futter, Artgenossen und die gemeinsam genutzte Umwelt liefern dabei Mikroorganismen und die Substrate, von denen sie leben. Auch beim erwachsenen Pferd bleibt das Darmmikrobiom veränderbar. Wer die Darmflora beim Pferd aufbauen oder erhalten möchte, sollte deshalb nicht an Probiotika denken, sondern vor allem auch an Fütterung, Bewegungsmöglichkeiten, Umweltkontakt und Sozialkontakte.
Der Begriff „Darmflora“ wird im Alltag noch häufig verwendet. Fachlich sprechen wir heute eher vom Darmmikrobiom beziehungsweise von der intestinalen Mikrobiota. Gemeint ist die Gemeinschaft aus Mikroorganismen, die den Verdauungstrakt besiedeln, beim Pferd vor allem die sehr artenreiche mikrobielle Gemeinschaft in Blind- und Grimmdarm.
Für das Pferd ist diese Gemeinschaft besonders relevant, weil es einen großen Teil seiner pflanzlichen Nahrung nicht mit körpereigenen Enzymen vollständig aufschließen kann. Mikroorganismen fermentieren komplexe Kohlenhydrate und bilden dabei unter anderem Acetat, Propionat und Butyrat. An der vollständigen Verwertung pflanzlicher Polysaccharide sind viele unterschiedliche mikrobielle Gruppen beteiligt.
Mehr über die Rolle von Butyrat und seine Entstehung im Pferdedarm findest du in unserem Artikel „Butyrat beim Pferd: Mikrobieller Energieträger und die Rolle von Tributyrin
Ein aktuelles Review von Ericsson fasst den heutigen Forschungsstand zum Pferdemikrobiom zusammen und beginnt bemerkenswerterweise nicht mit Probiotika oder Ergänzungsfuttermitteln, sondern mit der Frage, wie diese mikrobielle Gemeinschaft überhaupt entsteht.
Die eigentliche Besiedlung des Fohlendarms setzt unmittelbar nach der Geburt ein. Innerhalb der ersten 24 Stunden steigt die Zahl bakterieller Zellen um mehrere Größenordnungen. Als Quellen nennt das Review unter anderem die Milch der Stute, ihren Vaginaltrakt und ihre Maulhöhle sowie Mikroorganismen aus der Umgebung.
Das frühe Mikrobiom unterscheidet sich noch deutlich von dem eines erwachsenen Pferdes. Zunächst finden sich relativ viele fakultativ anaerobe Bakterien, darunter Milchsäurebakterien wie Lactobacillus und Streptococcus. Mit zunehmendem Alter entsteht daraus die wesentlich vielfältigere, überwiegend anaerobe Gemeinschaft des Hinterdarms.
Diese Entwicklung läuft beim Pferd erstaunlich schnell ab. Nach den im Review zusammengetragenen Studien erreicht das Hinterdarmmikrobiom bereits zwischen der achten und dreizehnten Lebenswoche eine Zusammensetzung, die der eines erwachsenen Pferdes weitgehend ähnelt. Bezogen auf die Lebensspanne geschieht die mikrobielle Reifung beim Pferd damit wesentlich früher als bei vielen anderen untersuchten Säugetieren. Sie findet außerdem lange vor dem üblichen Absetzen statt.
„Adult-ähnlich“ heißt allerdings nicht, dass sich das Mikrobiom danach nicht mehr verändert. Fütterung, Lebensumfeld, Alter, Gesundheitszustand und weitere Faktoren beeinflussen die mikrobielle Gemeinschaft auch später.
Coprophagie, also die Aufnahme von Kot, wirkt aus menschlicher Perspektive zunächst ungewöhnlich. Bei jungen Fohlen gehört sie zum normalen Verhalten und scheint einen konkreten Beitrag zur mikrobiellen Entwicklung zu leisten.
Pyles und Kollegen untersuchten 2023 gezielt den Zusammenhang zwischen Coprophagie und der Ansiedlung faserabbauender Bakterien. Dafür erhielten neun Vollblutstuten einen unverdaulichen Marker, mit dem sich später nachweisen ließ, ob ihre Fohlen Kot aufgenommen hatten. Coprophagie ließ sich bereits ab dem dritten Lebenstag nachweisen und bei allen untersuchten Fohlen spätestens am siebten Tag. Zu diesem Zeitpunkt bestand ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Kotaufnahme und der Zahl cellulolytischer Bakterien im Kot der Fohlen.
Die Besiedlung beginnt allerdings schon früher. Mikrobielle DNA lässt sich bereits innerhalb der ersten 24 Stunden nachweisen. Coprophagie ist deshalb nicht der Startpunkt der gesamten Darmbesiedlung. Sie scheint vor allem zur späteren Übertragung bestimmter funktioneller Gruppen beizutragen, darunter Bakterien, die für die Verwertung pflanzlicher Fasern relevant sind.
Daraus lässt sich keine Empfehlung ableiten, einem Fohlen gezielt Kot anzubieten oder dieses Verhalten aktiv zu fördern. Die Studie hilft vielmehr zu verstehen, warum der normale Kontakt zwischen Fohlen, Mutterstute und gemeinsam genutzter Umgebung biologisch relevant sein kann.
Wie stark sich unterschiedliche Lebensbedingungen bereits während der ersten Wochen bemerkbar machen, untersuchten Tavenner, McDonnell und Biddle. Sie verglichen zehn konventionell gehaltene Standardbred-Fohlen mit zehn semi-feral gehaltenen Shetland-Typ-Fohlen und ihren jeweiligen Müttern während der ersten sechs Lebenswochen.
Die Mikrobiome der semi-feral gehaltenen Stuten und Fohlen enthielten insgesamt mehr Taxa im Kernmikrobiom. Bei den Fohlen fanden die Forschenden außerdem eine größere Vielfalt in mehreren bakteriellen Gruppen. Computergestützte Vorhersagen der mikrobiellen Funktionen deuteten auf ein breiteres funktionelles Repertoire hin, unter anderem bei der Verwertung von Kohlenhydraten, Proteinen und Lipiden.
Die Studie ist interessant, sollte aber nicht so gelesen werden, als sei damit ein einzelner Haltungsfaktor identifiziert. Die Gruppen unterschieden sich nicht nur in der Haltung, sondern auch in Rasse, Fütterung, Umwelt und Sozialbedingungen. Aus diesem Studiendesign lässt sich nicht herausrechnen, ob beispielsweise Weidegang, Pflanzenvielfalt, Kontakt zu mehr Pferden oder andere Umweltfaktoren für einen bestimmten Unterschied verantwortlich waren.
Der Befund passt allerdings zu weiteren Arbeiten, die im aktuellen Review zusammengeführt werden. Gefangenschaft beziehungsweise stärkere Einschränkung natürlicher Lebensbedingungen ist dort mit einer geringeren taxonomischen und funktionellen Diversität des Pferdemikrobioms assoziiert. Als eine mögliche Erklärung diskutiert der Autor unter anderem den eingeschränkteren Zugang zu unterschiedlichen Futterpflanzen.
Warum mikrobielle Vielfalt nicht einfach mit ‚je mehr Arten, desto besser‘ gleichzusetzen ist, haben wir in unserem Artikel zur Diversität des Pferdemikrobioms ausführlicher erklärt.
Eine große Langzeitstudie aus dem Jahr 2024 liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass die frühe mikrobielle Entwicklung mehr ist als ein kurzfristiges Phänomen. Leng und Kollegen begleiteten für den Rennsport gezüchtete Pferde über drei Jahre.
Fohlen mit einer niedrigeren bakteriellen Diversität im Alter von einem Monat hatten später ein höheres Risiko für Atemwegserkrankungen. Eine höhere frühe Diversität war außerdem mit mehreren Parametern der späteren Rennleistung assoziiert.
Das sind Assoziationen. Die Studie zeigt nicht, dass eine möglichst hohe Diversität im Alter von vier Wochen direkt vor Atemwegserkrankungen schützt oder eine bessere sportliche Leistung verursacht. Sie zeigt aber, dass Merkmale des frühen Mikrobioms noch Jahre später mit gesundheitlichen und funktionellen Merkmalen verbunden sein können.
Damit bekommt die Aufzucht eine zusätzliche Perspektive. Neben Nährstoffversorgung, Bewegung und Sozialentwicklung wird auch die mikrobielle Umwelt Teil der Bedingungen, unter denen ein Fohlen aufwächst.
Ja, wobei der Begriff „Darmflora aufbauen“ leicht ein falsches Bild erzeugt.
Ein erwachsenes Pferd besitzt normalerweise bereits eine sehr artenreiche mikrobielle Gemeinschaft. Bei gesunden erwachsenen Pferden umfasst das Hinterdarmmikrobiom mehr als 1000 unterschiedliche Taxa und bleibt trotz einer gewissen Stabilität auf Veränderungen seiner Umwelt ansprechbar.
Besonders deutlich ist das bei der Ernährung. Nach einem Wechsel von Weide auf Kraftfutter beziehungsweise in die Gegenrichtung lassen sich Veränderungen der fäkalen Mikrobiomzusammensetzung bereits innerhalb von 24 Stunden erkennen. Die vollständige Anpassung an eine neue Fütterung benötigt mehrere Tage. Auch Jahreszeit, Standort und die dort verfügbaren Futterpflanzen sind mit Unterschieden im Mikrobiom verbunden.
Für mich ist deshalb „Darmflora aufbauen“ weniger eine Frage danach, welche Bakterien wir in das Pferd hineinfüttern können, sondern zunächst danach, unter welchen Bedingungen die bereits vorhandene mikrobielle Gemeinschaft lebt und welche Mikroorganismen das Pferd über seine Umwelt regelmäßig erreicht.
Das aktuelle Review fasst diesen Gedanken unter Forage, Freedom and Friends zusammen. Forage liefert die Substrate für den mikrobiellen Stoffwechsel. Bewegungsfreiheit eröffnet Zugang zu unterschiedlichen Futterquellen und reduziert Stress durch Einschränkung. Artgenossen tragen über die gemeinsam genutzte Umwelt zur fortlaufenden mikrobiellen Exposition bei und erfüllen zugleich eine soziale Funktion.
Wenn das Mikrobiom bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist, ist die Situation noch einmal komplexer. Warum sich eine Dysbiose nicht auf einzelne ‚gute‘ und ‚schlechte‘ Bakterien reduzieren lässt, erklären wir hier ausführlicher.
Der verbreitete Gedanke „fehlende Darmbakterien = Bakterien zufüttern“ ist biologisch deutlich einfacher als die tatsächlichen Verhältnisse im Pferdedarm.
Das Review bewertet die bisherige Evidenz für bakterielle Probiotika zurückhaltend. Untersuchungen an Fohlen zeigen nur eine begrenzte Fähigkeit solcher Produkte, die Zusammensetzung des fäkalen Mikrobioms zu verändern. Bei gesunden erwachsenen Pferden wurden in mehreren Untersuchungen keine relevanten Veränderungen der Alpha- oder Beta-Diversität festgestellt. Einzelne Stämme oder Hefen können trotzdem spezifische Wirkungen haben. Daraus ergibt sich aber kein allgemeiner Beleg dafür, dass sich eine vielfältige Darmflora durch die tägliche Gabe möglichst vieler Mikroorganismen „aufbauen“ lässt.
Das ist auch aus ökologischer Sicht plausibel. Ein Darmmikrobiom besteht nicht nur aus einer Liste vorhandener Bakterien. Die Mikroorganismen konkurrieren um Nischen und Substrate, bilden Stoffwechselnetzwerke und beeinflussen sich gegenseitig. Ein neu aufgenommenes Bakterium muss deshalb nicht dauerhaft Teil dieser Gemeinschaft werden.
Aus den derzeitigen Daten lassen sich keine festen Vorgaben wie „X Stunden Weide führen zu Y Prozent mehr Diversität“ ableiten. Einige praktische Konsequenzen sind trotzdem gut begründbar:
Kontakt zu gesunden Artgenossen ermöglichen. Pferde, die dieselbe Umwelt nutzen und sozial miteinander interagieren, weisen ähnlichere Mikrobiome auf. Pferde geben über ihren Kot Darmmikroorganismen an gemeinsam genutzte Flächen ab. Beim Grasen können Bakterienzellen und Sporen aus dieser Umwelt erneut aufgenommen werden. Stabile Sozialgruppen haben damit neben ihrer verhaltensbiologischen Bedeutung auch eine mikrobielle Dimension.
Pflanzliche Grundfütterung nicht auf ein möglichst einheitliches Substrat reduzieren. Das Pferdemikrobiom reagiert auf die verfügbaren Kohlenhydrate und Faserquellen. Zugang zu geeigneten unterschiedlichen Futterpflanzen erweitert die Bandbreite der pflanzlichen Substrate, mit denen die mikrobielle Gemeinschaft in Kontakt kommt. Das heißt nicht, dass täglich neue Futtermittel eingeführt werden sollten. Häufige oder abrupte Rationswechsel sind etwas anderes als natürliche pflanzliche Vielfalt.
Bewegung mit Umwelt- und Futterkontakt verbinden. Freie Bewegung ist für das Mikrobiom nicht allein wegen der körperlichen Aktivität interessant. Frei lebende Pferde bewegen sich über größere Flächen auf der Suche nach Futter und kommen dabei mit unterschiedlichen Pflanzenbeständen und gemeinsam genutzten Umweltbereichen in Kontakt. Das lässt sich in domestizierter Haltung nicht vollständig nachbilden, aber beispielsweise durch Weidezugang, strukturierte Ausläufe oder größere gemeinsam genutzte Flächen teilweise ermöglichen.
Bei Fohlen normale soziale und ökologische Entwicklung zulassen. Kontakt zur Mutterstute, altersgerechter Kontakt zu anderen gesunden Pferden, Bewegung und Zugang zu einer geeigneten Umgebung schaffen die Bedingungen, unter denen die natürliche mikrobielle Besiedlung stattfinden kann. Normales Verhalten wie Coprophagie muss nicht künstlich verhindert werden, sofern kein hygienischer oder medizinischer Grund dafür besteht. Daraus folgt umgekehrt nicht, Kot gezielt als „Probiotikum“ einzusetzen.
Das vorhandene Mikrobiom nicht unnötig stören. Starke Futterumstellungen, hohe Mengen leicht fermentierbarer Kohlenhydrate und antimikrobielle Behandlungen können das Mikrobiom deutlich verändern. Antibiotika sollten selbstverständlich eingesetzt werden, wenn sie medizinisch notwendig sind. Aus Sicht des Mikrobioms spricht die Datenlage aber ebenso für einen gezielten und verantwortungsvollen Einsatz und gegen eine Anwendung ohne klare Indikation. Das Review nennt Antimicrobial Stewardship ausdrücklich als einen zentralen Punkt für den Erhalt des Pferdemikrobioms.
Pflanzliche Vielfalt lässt sich nicht vollständig aus dem Futtersack nachbilden. Ein Pferd, das sich auf einer vielfältigen Fläche selbst Futter sucht, trifft gleichzeitig auf unterschiedliche Pflanzen, Wachstumsstadien und Umweltmikroorganismen. Wo dieser Zugang im Haltungsalltag begrenzt ist, kann die Ration zumindest um unterschiedliche naturbelassene Pflanzenbestandteile erweitert werden. Diesen Ansatz verfolgen wir mit unserer Daily-Reihe aus DailyFibers, DailySeeds und DailyBerries. DailyFibers ergänzt beispielsweise Rinden und Wurzeln, DailySeeds unterschiedliche Samen und DailyBerries verschiedene Beerenfrüchte. Sie ersetzen keine vielfältige Weide oder strukturierte Auslauffläche, können aber das Spektrum pflanzlicher Bestandteile in einer ansonsten eher einheitlichen Ration erweitern.