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Artikel: Warum wird ein diverses Mikrobiom beim Pferd eigentlich mit Gesundheit verbunden?

Warum wird ein diverses Mikrobiom beim Pferd eigentlich mit Gesundheit verbunden?
Darm & Mikrobiom

Warum wird ein diverses Mikrobiom beim Pferd eigentlich mit Gesundheit verbunden?

Im Zusammenhang mit der Darmgesundheit von Pferden fällt ein Begriff besonders häufig: Diversität. Gemeint ist damit die Vielfalt mikrobieller Gemeinschaften im Darm, also die Vielfalt an Bakterien, Archaeen, Pilzen und weiteren Mikroorganismen, die gemeinsam das Darmökosystem bilden. 

In der Mikrobiomforschung wird eine höhere mikrobielle Diversität häufig mit einem stabileren und funktionell leistungsfähigeren Darmökosystem in Verbindung gebracht. Auch bei Pferden zeigen Studien wiederholt, dass wildlebende oder weniger stark domestizierte Populationen häufig ein vielfältigeres und funktionell breiter aufgestelltes Darmmikrobiom besitzen als domestizierte Pferde. Gleichzeitig werden bei verschiedenen Erkrankungen, insbesondere im Bereich des Magen-Darm-Traktes, immer wieder Veränderungen der mikrobiellen Zusammensetzung und eine reduzierte Vielfalt beschrieben.
Trotzdem ist wichtig: Diversität ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Gesundheit. Entscheidend ist nicht allein, wie viele unterschiedliche Mikroorganismen nachweisbar sind, sondern welche funktionellen Leistungen die mikrobielle Gemeinschaft im Darm erbringen kann.

Diversität ist kein Selbstzweck 

Wenn in der Mikrobiomforschung von Diversität gesprochen wird, geht es nicht darum, möglichst viele verschiedene Mikroorganismen im Darm anzusammeln. Entscheidend ist vielmehr, welche Funktionen diese mikrobielle Gemeinschaft erfüllen kann. Denn unterschiedliche Mikroorganismen übernehmen unterschiedliche Aufgaben im Darm. Einige sind besonders wichtig für den Abbau von Fasern. Andere produzieren kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat. Wieder andere beeinflussen das Darmmilieu, konkurrieren mit unerwünschten Mikroorganismen oder tragen zur Produktion bestimmter Stoffwechselprodukte bei.

Unterschiedliche mikrobielle Gruppen sind dabei auf unterschiedliche Substrate und Stoffwechselwege spezialisiert und kooperieren sogar miteinander. Gehen bestimmte Gruppen verloren, können daher auch funktionelle Fähigkeiten des gesamten Systems eingeschränkt werden.

Das heißt: Eine höhere Diversität ist nicht automatisch gut. Aber ein Verlust an Diversität kann bedeuten, dass dem System bestimmte funktionelle Fähigkeiten verloren gehen. Genau deshalb wird mikrobielle Vielfalt heute häufig zusammen mit Begriffen wie Stabilität, Resilienz und funktioneller Kapazität diskutiert.

Warum funktionelle Vielfalt für das Pferd besonders relevant ist 

Das Pferd ist als Pflanzenfresser in hohem Maß auf die mikrobielle Fermentation im Blinddarm und Grimmdarm angewiesen. Komplexe pflanzliche Strukturen wie Zellulose, Hemizellulose und andere Faserfraktionen können vom Pferd selbst nicht vollständig enzymatisch aufgeschlossen werden. Ihre Verwertung erfolgt vor allem durch Mikroorganismen in seinen beiden großen Fermentationskammern, dem Grimmdarm und dem Blinddarm. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat. Diese dienen dem Pferd als wichtige Energiequelle und beeinflussen gleichzeitig das Darmmilieu, die Schleimhautbarriere und immunologische Regulationsprozesse.

Blinddarm (hellrot) und Grimmdarm (dunkelrot) sind die beiden großen Fermentationskammern des Pferdedarms und beherbergen schätzungsweise eine Billionen Bakterien, die den Verdau komplexer Fasern übernehmen

Ein funktionell breit aufgestelltes Mikrobiom kann unterschiedliche pflanzliche Substrate verwerten und auf Veränderungen in der Fütterung oder im Lebensumfeld flexibler reagieren. Dadurch wird das Darmökosystem widerstandsfähiger gegenüber Störungen. Fehlt diese funktionelle Breite, kann das System empfindlicher auf Futterwechsel, hohe Mengen leicht fermentierbarer Kohlenhydrate, Stress oder andere Belastungsfaktoren reagieren. 

Was passiert, wenn Vielfalt verloren geht?  

Eine Studie von Ang et al. aus dem Jahr 2022 verglich das Darmmikrobiom wildlebender und domestizierter Pferde aus verschiedenen geografischen Regionen. Die Autor:innen beschrieben bei domestizierten Pferden eine deutliche Verarmung des fäkalen Mikrobioms im Vergleich zu wildlebenden Populationen.

Dabei betrafen die Unterschiede nicht nur einzelne Bakteriengruppen, sondern auch funktionelle Kapazitäten. Bei domestizierten Pferden zeigten sich unter anderem Hinweise auf eine geringere metabolische Kapazität im Kohlenhydratstoffwechsel sowie Veränderungen in mikrobiellen Genprofilen. Als mögliche Einflussfaktoren diskutierten die Autor:innen unter anderem eine geringere pflanzliche Vielfalt in der Ernährung, reduzierte Umweltdiversität, Antibiotikaexposition und veränderte Haltungsbedingungen.

Unterschiede der Aktivität des Mikrobioms 

Die reine Zusammensetzung des Mikrobioms liefert nur einen Teil der Information. Entscheidend ist zusätzlich, welche Stoffwechselprozesse tatsächlich stattfinden.

Zwei Pferde können sich in der mikrobiellen Zusammensetzung unterscheiden, ohne dass daraus unmittelbar auf die Funktion des Systems geschlossen werden kann. Umgekehrt können funktionelle Unterschiede bestehen, auch wenn bestimmte mikrobielle Gruppen ähnlich häufig vorkommen. Deshalb gewinnen neben klassischen Mikrobiomanalysen auch funktionelle Untersuchungen und die Analyse mikrobieller Stoffwechselprodukte zunehmend an Bedeutung.

In Untersuchungen an wildlebenden und domestizierten Pferdepopulationen wurden nicht nur Unterschiede in der mikrobiellen Diversität beschrieben, sondern auch veränderte Fermentationsmuster. Bei wildlebenden Pferden wurden unter anderem signifikant höhere Butyratwerte festgestellt. Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure, die im Dickdarm durch mikrobielle Fermentation entsteht. Sie dient den Darmepithelzellen als wichtige Energiequelle, unterstützt die Integrität der Darmbarriere und steht mit immunregulatorischen Prozessen in Verbindung.

Das zeigt: Unterschiede im Mikrobiom betreffen nicht nur die Frage, welche Mikroorganismen vorhanden sind, sondern auch, welche Stoffwechselaktivität aus dieser Gemeinschaft hervorgeht. 

Die Rolle der Ernährung 

Mikroorganismen sind auf die Substrate angewiesen, die über die Nahrung in den Darm gelangen. Die Fütterung bestimmt daher wesentlich mit, welche mikrobiellen Gruppen im Darm gefördert werden und welche Stoffwechselwege besonders aktiv sind.

Unterschiedliche Pflanzen liefern unterschiedliche Faserstrukturen, Nährstoffprofile und sekundäre Pflanzenstoffe. Gräser, Kräuter, Blätter, Rinde, Samen und Gehölzbestandteile unterscheiden sich nicht nur botanisch, sondern auch hinsichtlich ihrer mikrobiellen Verwertbarkeit. Eine vielfältigere pflanzliche Futtergrundlage kann damit unterschiedliche ökologische Nischen im Darm schaffen. Eine sehr einseitige Fütterung reduziert dagegen potenziell die Bandbreite an verfügbaren Substraten.

Das bedeutet nicht, dass Pferde möglichst viele neue Futtermittel gleichzeitig erhalten sollten. Gerade bei Pferden mit sensibler Verdauung sind langsame Anpassungen und eine individuelle Verträglichkeit entscheidend.

Grundsätzlich zeigt sich jedoch: Die Vielfalt der Futtergrundlage ist ein wichtiger Faktor für die funktionelle Breite des Darmmikrobioms. Bei wildlebenden Pferden macht Gras nur einen Teil der Nahrung aus. Im Durchschnitt besteht tatsächlich nur etwa die Hälfte der aufgenommenen Pflanzen aus Gräsern. Mehr dazu kannst du in unserem Artikel „Was fressen Pferde eigentlich wirklich und was bedeutet das für ihr Mikrobiom?“ nachlesen.

Die Rolle der Umwelt 

Neben der Ernährung beeinflusst auch das Lebensumfeld die mikrobielle Besiedlung des Darms. Mikroorganismen stammen nicht ausschließlich aus dem Futter, sondern auch aus der Umwelt – etwa aus Pflanzenoberflächen, Boden, Wasser, Stallumgebung und dem Kontakt mit anderen Lebewesen. Ein Pferd, das in einer strukturarmen Umgebung lebt und wenig Kontakt zu unterschiedlichen natürlichen Materialien hat, wird mikrobiell anders exponiert als ein Pferd, das Zugang zu verschiedenen Pflanzen, Gehölzen, Bodenstrukturen und stabilen Sozialkontakten hat.

Auch frühe Lebensphasen scheinen dabei eine besondere Bedeutung zu haben. Das Mikrobiom entwickelt sich nicht erst im erwachsenen Pferd, sondern wird durch Geburt, Aufzucht, Umweltkontakt, Ernährung und soziale Interaktionen früh geprägt.

Mikrobiomfreundlichkeit ist daher nicht ausschließlich eine Frage der Fütterung. Sie betrifft auch Haltung, Umweltdiversität und die Möglichkeit des Pferdes, mit vielfältigen natürlichen Reizen in Kontakt zu kommen. 

Unser Fazit 

Das Darmmikrobiom des Pferdes ist ein komplexes Ökosystem, dessen Bedeutung nicht allein in der Anzahl verschiedener Mikroorganismen liegt, sondern vor allem in deren funktioneller Kapazität.

Studien zeigen, dass Ernährung, Umwelt, Haltung und Management eng mit der mikrobiellen Vielfalt und Aktivität im Darm verbunden sind. Eine mikrobiomfreundliche Pferdehaltung beginnt deshalb bei der Basis: hochwertiges Raufutter, lange Fresszeiten, langsame Futterumstellungen, geeignete pflanzliche Vielfalt und ein strukturreiches Lebensumfeld.

Diversität ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein wichtiger Bestandteil eines stabilen, anpassungsfähigen Darmökosystems.

Quellen 

L. Ang et al., “Gut Microbiome Characteristics in feral and domesticated horses from different geographic locations,” Communications Biology, 2022. 

C. R. Gluck, M. Bowman, V. Fellner, S. McLeod, S. Stuska, and S. Pratt-Phillips, “Comparison of the Fecal Microbiome and In-Vitro Fermentation Patterns Amongst Feral and Domesticated Equine Populations.” 

J. L. Metcalf et al., “Evaluating the impact of domestication and captivity on the horse gut microbiome,” Scientific Reports, 2017. 

Z. L. McAdams et al., “A novel dataset of 2,362 equine fecal microbiomes from veterinary teaching hospitals across three countries reveals effects of geography and disease,” Animal Microbiome, 2025. 

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